Regretting Motherhood – Wenn Mütter ihre Mutterschaft bereuen: Ein Tabu-Thema im Fokus

Das Phänomen „Regretting Motherhood“ (Mutterschaft bereuen) ist selten in der öffentlichen Debatte, doch es existiert. Studien und Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Mütter im Nachhinein lieber keine Kinder bekommen hätte

KindHilfe.de - Regretting Motherhood

Einleitung: Darf eine Mutter bereuen?

Mutterschaft wird oft als das höchste Glück beschrieben. Gesellschaftlich erwartet man, dass eine Mutter ihre Kinder über alles liebt und in ihrer neuen Rolle Erfüllung findet. Doch was ist, wenn das nicht so ist? Was, wenn eine Mutter spürt, dass sie die Mutterschaft bereut – und sich nicht traut, darüber zu sprechen?

Das Phänomen „Regretting Motherhood“ (Mutterschaft bereuen) ist selten in der öffentlichen Debatte, doch es existiert. Studien und Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Mütter im Nachhinein lieber keine Kinder bekommen hätte – nicht, weil sie ihre Kinder nicht lieben, sondern weil das Muttersein nicht ihren Erwartungen oder Bedürfnissen entspricht.

Doch warum ist dieses Thema ein solches Tabu? Und vor allem: Wie kann man betroffenen Müttern helfen, mit dieser Erkenntnis umzugehen und neue Wege für sich zu finden?

Regretting Motherhood ist nicht dasselbe wie eine postnatale Depression

Ein wichtiger Punkt, der oft verwechselt wird, ist der Unterschied zwischen Regretting Motherhood und einer postnatalen Depression (Wochenbettdepression).

Postnatale Depression:

  • Eine psychische Erkrankung, die innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt auftritt.
  • Symptome wie tiefe Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Angst, Schuldgefühle und ein Gefühl der Entfremdung vom Kind.
  • Häufig hormonell und stressbedingt.
  • Behandlungsbedürftig mit Psychotherapie oder ggf. Medikation.
  • Die meisten Mütter mit einer postnatalen Depression wollen eine enge Bindung zu ihrem Kind, fühlen sich aber emotional blockiert.

Regretting Motherhood:

  • Keine Krankheit, sondern eine bewusste Erkenntnis über die eigenen Lebensumstände.
  • Frauen fühlen sich nicht depressiv, sondern merken, dass sie das Muttersein an sich nicht erfüllt.
  • Kann unabhängig von psychischen Erkrankungen auftreten.
  • Hält oft über Jahre an und verschwindet nicht von selbst.

Beide Zustände können sich überschneiden, aber sie sind nicht dasselbe. Eine postnatale Depression kann behandelt und überwunden werden – während Regretting Motherhood oft mit einer fehlenden Passung zwischen den eigenen Lebenswünschen und der Realität der Mutterschaft zusammenhängt.

Warum bereuen manche Frauen die Mutterschaft?

Es gibt viele Gründe, warum Frauen im Nachhinein feststellen, dass sie mit ihrer Mutterrolle unglücklich sind. Häufig spielen mehrere Faktoren zusammen:

1. Gesellschaftlicher Druck zur Mutterschaft

Viele Frauen werden Mutter, weil sie glauben, es „gehöre dazu“. Die Gesellschaft vermittelt das Bild, dass eine Frau erst durch ein Kind „vollständig“ wird. Oft folgt die Entscheidung für ein Kind aus äußeren Erwartungen – sei es durch Partner, Familie oder gesellschaftliche Normen – und nicht aus einem tiefen inneren Wunsch.

2. Falsche Erwartungen an das Muttersein

Die Realität der Mutterschaft unterscheidet sich oft stark von dem, was Frauen erwartet haben. Die Vorstellung eines glücklichen, erfüllten Lebens mit Kind weicht schnell der Erkenntnis, dass Mutterschaft aus Schlafmangel, mentaler Dauerbelastung und dem Verlust persönlicher Freiheiten besteht.

3. Fehlende Unterstützung und Überforderung

Mütter, die sich alleine gelassen fühlen – sei es durch den Partner, die Familie oder die Gesellschaft – geraten leichter in Überforderung. Wenn die gesamte Verantwortung für ein Kind auf den Schultern einer einzigen Person lastet, kann das überwältigend sein.

4. Identitätsverlust und fehlende Selbstverwirklichung

Einige Frauen fühlen sich durch das Muttersein ihrer eigenen Identität beraubt. Hobbys, Karriere, persönliche Freiheit – all das kann durch die Mutterschaft stark eingeschränkt werden. Manche spüren, dass sie als Person „verschwinden“ und nur noch als Mutter existieren.

Neue Wege finden: Wie geht man mit dieser Erkenntnis um?

Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, stehen oft vor einer schwierigen Frage: Wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es für mich und mein Kind lebenswert bleibt?

Hier einige praktische Ansätze, um neue Wege zu finden:

1. Akzeptanz: Sich selbst erlauben, so zu fühlen

Viele Frauen kämpfen mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln. Der erste Schritt ist, sich selbst zu erlauben, diese Gefühle zu haben. Regretting Motherhood ist kein Versagen. Es bedeutet nicht, dass man seine Kinder nicht liebt oder eine schlechte Mutter ist.

2. Psychotherapie: Sich selbst verstehen lernen

Gespräche mit einer Psychotherapeutin können helfen, die eigenen Gefühle zu sortieren und herauszufinden, woher die Unzufriedenheit kommt. Ist es wirklich die Mutterschaft an sich? Oder sind es die äußeren Umstände, die belastend sind?

3. Rollenkonflikte bewusst machen

Manchmal sind es nicht die Kinder, die Frauen unglücklich machen, sondern die gesellschaftlichen Erwartungen an eine „perfekte Mutter“. Sich bewusst gegen überzogene Ideale zu stellen, kann bereits entlastend wirken.

4. Mehr Unterstützung einfordern

  • Wer übernimmt welche Aufgaben in der Familie?
  • Gibt es Möglichkeiten, das Kind für ein paar Stunden in Betreuung zu geben?
  • Kann der Partner oder die Großeltern mehr einbezogen werden?

Oft liegt die Lösung nicht darin, das Muttersein abzulehnen, sondern in einer gerechteren Verteilung der Belastung.

5. Perspektiven schaffen: Was brauche ich für mich?

Viele Mütter merken, dass sie unglücklich sind, weil sie keine eigenen Freiräume mehr haben. Lösungen können sein:

  • Wiedereinstieg in den Beruf (auch in Teilzeit)
  • Hobbys wieder aufnehmen
  • Bewusst Zeit für sich einplanen

6. Gesellschaftliche Narrative hinterfragen

Nicht jede Frau ist glücklich als Mutter – und das ist in Ordnung. Frauen sollten sich bewusst machen, dass Mutterschaft kein Automatismus ist, der automatisch Erfüllung bringt.

Mutterschaft darf nicht romantisiert werden

Mutterschaft ist wunderschön – aber nicht für jede Frau. Regretting Motherhood ist ein reales, ernstzunehmendes Thema. Es ist an der Zeit, das Tabu zu brechen und offen darüber zu sprechen.

Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, verdienen kein Urteil, sondern Verständnis. Sie brauchen Raum für ihre Gedanken und die Möglichkeit, ihr Leben so zu gestalten, dass sie damit zurechtkommen.

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind sollte immer bewusst getroffen werden – und niemals aus gesellschaftlichem Druck heraus.