
Wenn Grundschüler Make-up-Tutorials schauen
Spiegelglatte Haut, perfekte Wimpern, makellose Haare – das Ideal der Schönheit wird heute nicht mehr nur an Models oder Schauspielern gemessen. Es ist überall. Auf Instagram, TikTok und YouTube perfektionieren Influencer ihre Looks mit Filtern, Beauty-Produkten und Eingriffen – und Kinder sowie Jugendliche sind längst nicht mehr nur stille Zuschauer.
In den letzten Jahren tauchte ein neuer Trend auf: Kinder im Alter von sechs, sieben oder acht Jahren schminken sich nach Make-up-Tutorials, Jugendliche überlegen sich Botox-Behandlungen, bevor sie volljährig sind, und viele stellen sich selbst in Frage, weil sie mit den perfekten Bildern im Internet nicht mithalten können.
Was passiert mit einer Generation, die mit künstlicher Perfektion aufwächst? Und wie können Eltern gegensteuern?
Schönheitswahn im Kinderzimmer: Frühe Konfrontation mit unrealistischen Idealen
Kinder und Jugendliche hatten schon immer Vorbilder – ob Zeichentrickfiguren, Popstars oder Schauspieler. Doch die heutige Schönheitsindustrie macht keinen Halt mehr vor jungen Zielgruppen.
Was heute anders ist:
- Filter und digitale Bearbeitung: Was auf Social Media als natürlich verkauft wird, ist oft digital manipuliert. Kinder und Jugendliche sehen Perfektion, die es in der Realität nicht gibt.
- Kinder-Influencer und der Sephora-Kids-Trend: Achtjährige, die High-End-Make-up präsentieren, bekommen Millionen Klicks – und normalisieren damit frühzeitige Beauty-Routinen.
- Plastische Chirurgie als Self-Care: Lippenaufspritzen und Botox werden als selbstverständlich dargestellt – mit Rabatten für Teenager.
- Social-Media-Challenges rund um Schönheit: Hashtags wie Glow-Up oder Pretty-Privileged setzen junge Menschen unter Druck, ihr Aussehen zu optimieren.
Während Kinder früher unbeschwert draußen spielten, kennen sie heute Begriffe wie Contouring, Nasenkorrektur oder Gesichtsverjüngung.
„Mama, wann darf ich mir die Lippen aufspritzen?“ – Wie früh beginnt der Druck?
Kinder und Jugendliche sind extrem empfänglich für äußere Einflüsse. Sie beobachten, ahmen nach und lernen durch Vorbilder. Wenn Schönheitsideale allgegenwärtig sind, hinterfragen sie irgendwann ihr eigenes Aussehen.
Anzeichen, dass Dein Kind unter Schönheitsdruck leidet:
- Fragt mit sieben Jahren nach Mascara oder Lippenstift.
- Sagt mit acht Jahren, dass es zu dick oder nicht hübsch genug sei.
- Verweigert Fotos, weil es sich hässlich fühlt.
- Will keine kurzen Hosen tragen, weil die Beine nicht gut aussehen.
- Nutzt bereits mit zehn Jahren Beauty-Filter, um sich besser zu fühlen.
- Jugendliche meiden das Schwimmbad, weil sie ihren Körper nicht zeigen wollen.
- Teenager setzen sich selbst unter Druck, ein bestimmtes Körpergewicht oder eine definierte Körperform zu erreichen.
Viele Eltern unterschätzen, wie sehr Kinder und Jugendliche bereits mit ihrem Aussehen hadern.
Eine britische Studie fand heraus, dass bereits 42 Prozent der Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren unzufrieden mit ihrem Aussehen sind. Unter Teenagern steigt die Zahl weiter an.
Was macht das mit jungen Menschen, die noch nicht einmal ihre eigene Identität vollständig entwickelt haben?
Langzeitfolgen: Was passiert, wenn Kinder und Jugendliche früh in den Schönheitswahn geraten?
Junge Menschen sind in ihrer Entwicklung noch formbar – auch psychisch. Wer früh lernt, dass äußere Perfektion über alles geht, nimmt dieses Denken ins Erwachsenenalter mit.
- Schlechteres Selbstwertgefühl: Kinder und Jugendliche, die sich ständig mit unerreichbaren Schönheitsidealen vergleichen, fühlen sich oft nicht gut genug.
- Gestörtes Körperbild: Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen kann zu Essstörungen oder zwanghaftem Verhalten führen.
- Höhere Anfälligkeit für Schönheits-OPs: Wer früh lernt, dass Schönheit machbar ist, greift später schneller zu invasiven Methoden.
- Konsumfalle: Kosmetikfirmen verdienen Milliarden mit Produkten, die Unsicherheiten ausnutzen – oft auf Kosten junger Menschen.
- Soziale Isolation: Jugendliche, die sich unwohl mit ihrem Aussehen fühlen, meiden soziale Aktivitäten oder ziehen sich zurück.
Und das Schlimmste? Kinder und Jugendliche haben keine realistische Chance, sich dem zu entziehen.
Wie können Eltern gegensteuern?
Die gute Nachricht ist, dass Eltern immer noch großen Einfluss darauf haben, wie ihre Kinder über Schönheit denken.
Realität gegen Illusion stellen
Kinder und Jugendliche müssen verstehen, dass das, was sie auf Social Media sehen, nicht echt ist. Eltern sollten erklären, dass Filter, Photoshop und kosmetische Eingriffe das perfekte Aussehen erst erschaffen.
Werte abseits des Äußeren betonen
Statt Komplimente nur auf das Aussehen zu beziehen, sollten Eltern verstärkt andere Eigenschaften hervorheben:
- Ich finde es toll, wie kreativ du bist.
- Du bist so hilfsbereit, das schätze ich sehr an dir.
- Deine Art, Dinge zu hinterfragen, ist beeindruckend.
Kinder und Jugendliche sollen lernen, dass ihr Wert nicht von ihrem Äußeren abhängt.
Konsumverhalten hinterfragen
Müssen Kinder wirklich teure Kosmetikprodukte haben? Warum braucht eine Neunjährige Anti-Aging-Cremes? Eltern sollten mit ihren Kindern und Jugendlichen über Marketingstrategien sprechen, die Unsicherheiten ausnutzen, um Produkte zu verkaufen.
Eigene Vorbildfunktion reflektieren
Eltern, die selbst oft ihr Aussehen kritisieren oder ständig über Problemzonen sprechen, vermitteln ihren Kindern unbewusst die gleichen Unsicherheiten. Junge Menschen übernehmen Verhaltensweisen von ihren engsten Bezugspersonen.
Mediale Vorbilder gemeinsam hinterfragen
Kinder und Jugendliche orientieren sich an Idolen – das ist normal. Doch in Zeiten von Social Media werden Schönheitsideale oft durch Filter, Photoshop und kosmetische Eingriffe geprägt.
Anstatt alternative Vorbilder zu suchen, sollten Eltern mit ihren Kindern und Jugendlichen bewusst hinterfragen, was sie sehen.
- Zusammen Social-Media-Profile anschauen: Welche Bilder wirken perfekt? Gibt es Hinweise auf Filter oder digitale Bearbeitung?
- Videos oder Vorher-Nachher-Bilder suchen: Viele Influencer zeigen mittlerweile, wie stark Make-up, Beleuchtung und Bearbeitung das Aussehen verändern.
- Fragen stellen, statt belehren: Glaubst du, die Person sieht im echten Leben genauso aus? Warum denkst du, dass so viele Leute sich filtern? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich selbst immer mit solchen Bildern vergleichst?
- Hinter die Kulissen blicken: Viele Bilder und Videos sind nicht spontan, sondern bewusst inszeniert. Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern und Jugendlichen recherchieren, wie viel Arbeit hinter diesen vermeintlich perfekten Aufnahmen steckt.
Wenn Kinder und Jugendliche verstehen, dass vieles nicht echt ist, haben sie weniger Druck, diesen unrealistischen Idealen zu entsprechen.
Schönheit sollte keine Kindersache sein
Die Kindheit und Jugend sollten eine Zeit der Entfaltung sein – nicht des Perfektionismus. Wenn Grundschüler sich für Nasenkorrekturen interessieren und Teenager in Essstörungen rutschen, weil sie einem Ideal hinterherjagen, hat die Gesellschaft versagt.
Eltern müssen aktiv gegensteuern, bevor aus Unsicherheiten tief verwurzelte Komplexe werden. Denn wahre Schönheit beginnt dort, wo Selbstwert nicht von äußeren Idealen abhängt.